In Anlehnung an die Fragmente der Commune Mondiale sammle ich hier einige wenige Sentenzen und Aphorismen.
Im Gengensatz dazu jedoch deutlich reduzierter und gefilterter.



Thesen über die Freiheit
Man stelle sich einen freien Menschen vor, an einer riesigen Tafel sitzend, gefüllt mit allerlei Leckereien, herzhaft bis süß, frisch vom Baum bis kunstvoll verarbeitet, mild bis intensiv, zart bis grob, über und über, divers und verführerisch, alles geschmackvoll und ohne Fehl.
Würde dieser Mensch, in Freiheit und ohne Not, Enthaltsamkeit üben?
Sicherlich nicht.
Sie würde nicht einmal auf die Idee kommen, dass es besser für sie sein könne ihre Sinne und Begehren zu unterdrücken.
Würde sie stattdessen gar alles verzehren, sich wie ein Schwein auf das bereitgestellte Buffet stürzen?
Keineswegs.
Denn wieso sollte sie sich dermaßen überfressen, dass sie schmerzvoll verkrampfen müsste und sich so selbst schädigen?
Würde sie aber, als Weg der Mitte gewissermaßen, von jedem etwas probieren, um alles einmal mitgenommen zu haben, um ja nichts zu verpassen?
Auch das nicht, nein.
Denn man darf nicht vergessen: Sie ist frei.
Sie würde sich vielmehr nur das nehmen, worauf sie gerade Lust hätte, ohne Angst davor etwas negieren zu müssen, was sie übersehe. Denn aus ihrer Freiheit heraus hat sie gelernt und weiß, dass sie jede Möglichkeit hat und zudem alle Zeit, um nachzuholen, was sie vermissen sollte.
Eventuell – und es mag geschehen -, verpasst sie doch gar wirklich etwas, allerdings ohne es je zu benötigen, aus der einfachen Fähigkeit heraus aus dem größtmöglichen Glück zu wählen.
Die Tafel wäre ihr immer gefüllt und böte Platz für Gewohnheit und Neigung, genauso wie für Neugier und Experiment und letztlich auch für Überfluss und Fantasie, also für das, was sie noch erwarten mag, ohne es eiligst vorwegzunehmen.
Sie hätte gerade dadurch alles, ohne zu brauchen, was sie hat.
Eine freie Wahl ist also niemals Verzicht.
Sie ist Erfüllung im Überfluss, ohne Wahrnehmung dessen, was entgeht, gerade weil niemals verzichtet werden muss, sobald alles zur Verfügung steht – auch wenn es übersehen werden kann und darf.
Flucht im Traum
Ich schätze Fluchtträume sehr.
Das Gefühl, einer unbestimmten Gefahr zu entkommen, ist durchaus befriedigend:
Ich laufe ohne Atemnot davon, viel zu schnell um ausufernde Kurven, zielfreudig durch enge Gassen hindurch; sogar durch reißende Strömungen kämpfe ich mich guten Gelingens. Dass mich die Verfolger trotz allen Geschicks ein jedes Mal einzuholen vermögen, mag hierbei frustrieren, ermöglicht aber keine Furcht – Ich weiß, dass es weitergeht.
Das Versteckspiel dagegen gleicht mir einem kompromisslosen Terror.
Denn kein Unterschlupf bleibt hier unbemerkt, kein Hindernis verbirgt mich zuverlässig. Und werde ich einmal enttarnt, so sitze ich stets in der Falle.
Daher wünsche ich mir Träume der Flucht, wenn es brenzlig wird, da mir hierbei zumindest die Vielfalt unbekannter Welten aufgetan wird.
Das Versteck schrumpft sie dagegen auf verräterische Miniatur – mit mir als ihrem Ausstellungsobjekt.
Unrecht des Todes
Wer das Unrecht des Todes beklagt, wird implizit gerne der Ignoranz gegenüber der Notwendigkeit gerügt.
Doch umgekehrt verhält es sich:
Solche, die im Glück stehen und dem Tode nicht fluchen, sind ignorant gegenüber ihrer Verantwortung zur Universalität, während solche, die im Leid verweilen und den Tod ersehnen, ignorant sind gegenüber ihres Potenzials.
Ich klage sie nicht an, da das Bewusstsein über das Unrecht zu Recht schwer erträglich ist, wenn man sich dagegen ohnmächtig weiß.
Doch ihre Wohlgefälligkeit dem Unausweichlichen gegenüber verdoppelt die Niederlage des Materiellen ins Geistige hinein.
Vampire
Wer glaubt, es gäbe keine Vampire, der hat sich geirrt.
Doch nicht du oder ich sind der Vampir, auch sonst niemand, den man zu fassen bekäme.
Die Gemeinschaft selbst ist der Vampir, das Volk ist es – wenn auch kein bestimmtes, wie es die Verschwörungsmythen behaupten – die Familie aber sehr wohl – vielleicht nicht jede – das Unternehmen und sein Markt zudem, Tradition und Assimilation, unverstandene Religiosität, naturwüchsig konstruierte Rollen und Verhältnisse, die Nation als Prinzip, der Staat als Instanz, das Kapital als Mechanismus; sie alle sind Vampir.
Bloß das Individuum, das kann es nicht sein.
Dieses ist lediglich Wirt – oder es ist frei.
Melancholie
Melancholie gleicht einer Depression – doch ohne Leid und Scham. Sie erscheint so als eine Leidenschaft des Trauerns.
Melancholie, über sich selbst aufgeklärt, ist zudem utopisches Denken, das wünscht ohne zu vergessen.
Dramatische Liebe
Wenig scheint dem Begriffe der Leidenschaft so sehr zu entsprechen wie der der dramatischen Liebe.
Denn wer nicht wenigstens einmal in den zweifelhaften Genuss geraten ist, ausgiebig und bis ins Fundament innig um eine Verflossene zu weinen – so, als verliere man mit dem Auf und Ab dieser verfluchten Liaison selbst den Takt des eigenen Herzens –, über den lässt sich kaum urteilen, ob sie oder er das Leben überhaupt in seiner bitteren Fülle kennen mag.
Damit soll nicht gesagt sein, man hätte auf ein solches Ereignis nicht verzichten mögen, so niederschmetternd und bodenlos seine emotionale Tragweite sicherlich gewesen sein muss.
Und doch: Wer sich der Kränkung irgendwann erwehrt, kann sich einer eigentümlichen Schönheit dieses Erlebnisses kaum entziehen.
Wer so ergriffen an eine einstige Liebe zurückdenkt, wird einer Erfahrung gewahr, die einen verborgenen Sinn zu offenbaren scheint – ganz von jener Art, von der behauptet wird, sie ergebe sich aus der Begegnung mit dem Einen und Ersten.
Der Stoff der großen Werke entsteht nach dieser Vorlage und gerinnt zu einer kunstvollen Schiefheilung angesichts des Schmerzes; eine Erfahrung, die trotz allem eine fantastische, beinahe metaphysische Faszination entfaltet.
Ewige Jugend
Zum Wunsch nach Unsterblichkeit gehören unmittelbar zwei weitere Utopien, die sich nicht trennen lassen, die den Schmerz der Vergänglichkeit kontrastieren, wie keine anderen:
Das Bedürfnis nach dem Erhalt oder dem Erwerb von Gesundheit und das Streben nach ewiger Jugend und Attraktivität. Wieso ich letzteres ineinssetze, was ja durchaus kulturkritisch hinterfragt werden darf, soll jetzt nicht weiter Thema sein – ich streife es an dieser Stelle lediglich, um den Blinden Fleck zu betonen.
Gerade aber der Verlust der Jugend mag ein Schmerz sein, den man erst so wirklich realisiert, wenn man das kostbare Gut bereits im Begriff ist zu verlieren. Mir war dagegen meine Kindheit, entgegen dem Affekte vieler anderer, nie einen Erhalt wert. Im Gegenteil: Als Kind war ich nicht glücklich, sondern naiv, ich war nicht verbunden mit dem Augenblick, sondern arm an Erfahrung. Auch war man klein, es fehlte an Überblick und ich im Besonderen war damals sehr schwächlich und labil, heute dagegen stabil und stark. Die Neugier hingegen habe ich bis heute mir als treue Eigenschaft behalten. Diese ist so wertvoll wie die Fähigkeit zur Empathie.
Summa summarum bin ich außerordentlich froh kein Kind mehr zu sein. Autonomie mag zuweilen überfordern, doch es gibt keine lebenswerte Alternative, solange man ihrer fähig ist.
Aber die Jugend, gerade in ihrer Körperlichkeit, wird zum Sehnsuchtsort, just in dem Momente, da man sie überwindet. Irrelevant, dass ich damals körperlich träger war als heute, völlig egal, dass ich Dinge zu wissen glaubte, von denen ich keine Ahnung hatte – das Potential lag noch um so vieles höher, als es das in den späteren Jahren tut. Ab einem bestimmten Punkt schrumpft zwar noch nicht die Intelligenz oder die Fitness, wohl aber der Raum, in den hinein sich beides entwickeln mag.
Sobald man erkennt, dass man nie wieder die Möglichkeit erhält seine beste Form zu erreichen, das Ideal seiner eigenen Göttlichkeit zu erfahren, beginnt die Trauer um das verlorene Selbst, das man nie erreichte. Und unterschreitet der Entfaltungsspielraum dereinst noch das Material, nimmt der Verfall also Überhand über das, was man an sich noch zu verwalten trachtet, mag auch das Erwachsenenalter dem Seniorentum weichen.
Die Rente, so man noch eine zu erwarten hat, gibt einem vielleicht endlich die nötige Zeit, die die eigene Blüte dereinst benötigte, doch ihre Farben beginnen bereits zu ermatten.
Die Jugend aber ist schön, weil sie noch über eine Höhe verfügt, die sie unterschreiten kann, während sie zugleich wächst.
Doch ich sehe den Horizont bereits näher rücken, mit jedem Tag, der vergeht. Und zugleich will ich ihn eilends noch erreichen, solange ich ihm noch entgegengehen kann und das „dahinter“ nicht bereits alles verschlingt.
Metaphysische Verzweiflung
„Irgendjemand muss das Schwein mit den Maden im Bauch sein“, heißt es in dem sehr zu empfehlenden Film „I’m thinking of ending things“, der auf den gleichnamigen Roman von Iain Reid beruht.
Dieser Satz hat mich fertig gemacht, fasst er doch auf bildliche Weise perfekt zusammen, was meine metaphysische Verzweiflung begründet.
Es ist das unwiderlegbare „Aber“, das jede hoffnungsvolle Religion ad absurdum führt. Denn wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, wo es einen hätte hinführen können, hätte man nur etwas weniger Glück gehabt, hätte man eine etwas andere Entscheidung getroffen oder hätte man dem falschen Impuls nachgegeben.
Und doch gibt es solche, die tatsächlich und real weniger Glück gehabt hatten, die tatsächlich und real eine etwas andere Entscheidung getroffen haben und die tatsächlich und real dem falschen Impuls nachgegeben haben.
Jede grausige Geschichte, die sich ereignet hat, jede gescheiterte Biografie, jede vollständige Katastrophe traf dabei Personen, die von sich selbst als ein „Ich“ gesprochen haben, kurz gesagt gibt oder gab es Menschen, die das Schwein mit den Maden im Bauch sind oder gewesen sein mussten.
Der moralische Universalismus gemahnt an dieses Bewusstsein: Hütet euch, von einer gerechten Welt, einer guten Schöpfung oder dem schönen Leben zu sprechen, solange es noch madenbefallene Schweine gibt, solange es also Individuen gibt, die von abschreckenden Beispielen lesen oder hören und denken mögen: Die sprechen über mich.
Der Skandal liegt nicht darin, dass es Unglück gibt. Der Skandal liegt darin, dass Unglück jemandem zufällt, der ebenso gut ein anderer hätte sein können, der aber eben niemand anderes ist, als ein Ich.
Schuld
Es gibt zwei Arten von Menschen, denen man nicht gerne begegnet:
Solchen, die einem Schuld angetan haben und solchen, denen man selbst Schuld zugefügt hat.
Am unangenehmsten aber verhält es sich jenen gegenüber, bei denen man nicht weiß, welches von beidem zutrifft.
Angst vor der Dunkelheit
Die Angst des Kindes vor der Dunkelheit ist, so einmal überwunden, ein wahrer Segen.
Denn die Erfahrung magischer Furcht vor unsichtbaren Monstren, bei gleichzeitiger Erkenntnis seiner Grundlosigkeit, erwirbt den Status eines wohligen Schauers.
Welche Furcht kommt einer Rationalistin diesem heute noch gleich?
Neben der Sorge um das liebe Geld und die eigenen Kinder erwirbt derzeit selbst noch die Erwartung von Krieg und Katastrophe den Nimbus einer rationalen Weitsicht. Sie ist real.
Und wer dagegen als erwachsener Mensch noch immer Gespenster und Engelszorn fürchtet, flieht jeder Verantwortung zur Erkenntnis, ebenso wie jene, die Satanisten, Juden oder Kulturmarxisten als Quelle allen Übels ausmachen, anstelle unpersönlicher Systeme und Realabstraktionen und ihrer austauschbaren Agenten.
Was uns bleibt sind nostalgische Bilder der Bestie im Schrank und im besten Falle düstere Bilder gehaltvoller Albträume.
Die Erleichterung des Erwachens hierbei ist die tägliche Reifung eines zu Mut gekommenen Kindes.
Die Erinnerung, der Traum und die Kunst sind das, was uns die Magie erhält.
Please Stop Imagine Me
Der Philosoph Albert Camus beendete bekannterweise sein Essay mit der Schlussfolgerung, dass man sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müsse.
Die Idee dahinter: Der Absurdist, befreit von der Illusion, Sinn vorzufinden, stellt diesen eben dadurch her, dass er auf ewig ein Suchender zu bleiben hat – und seinen Gefallen hierin findet.
Das stetige Hinaufrollen des Felsens – als Strafe des Göttervaters Zeus -, der doch immer erneut hinabfährt, gerade dann, wenn dieser an der Spitze des Berges ankommt, versinnbildlicht gerade dieses Lebensgefühl.
Doch das Gegenteil ist wahr. Der Mensch ist gefangen im ewig Gleichen, in einer statischen Dynamik des Auf- und Ab, natürlich in der Abfolge der Jahreszeiten, kosmisch im stetigen Kampf gegen die unaufhaltsame Zunahme von Entropie, gesellschaftlich im Hin- und Hergeworfen sein zwischen den Erfordernissen des Kapitals und seiner kollektiven Akteure.
Diese Strafe des Göttervaters will ich nicht geschönt wissen. Wer Erfüllung findet in der Disziplin der Routine, mag sein Leben genießen – ich vermag es nicht verbieten zu wollen. Doch Glück bedeutet mir bloß die Erlösung:
Dass wir frei werden von der Notwendigkeit zum Maschinenwesen.
Der Mensch ist glücklich, wenn sie frei ist. Und dieses ist sie nur, wenn sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten kann, ihre Bedürfnisse leben darf, dessen befähigt ist und ihre Mitmenschen mit ihr in Freude zusammentreten mögen – oder auch nicht, wenn es ihr missfiele.
Wir müssen Sisyphos von seinem Felsen trennen.
Dunkles Land und Paradiese
„Die Welt der Fiktion ist, wie Adorno über die Kunst urteilte, ‚Magie, befreit von der Lüge Wahrheit zu sein‘.
Auch das Böse, Dunkle, Schwermütige behauptet hier gewiss seinen Platz, lebt von der Liebe zur Gefahr und Trostlosigkeit – gerade dort, wo sie die Zumutungen des real gelebten Lebens beklagt.
Indes: bleibt dies dargestellt Böse reine Fiktion.
Die Menschlichkeit dagegen wünscht keinen Tod, duldet kein Leid, verträgt keine Armut, erbittet keine Verzweiflung.
Ich will darum eine Wirklichkeit wie einen Garten:
Bachläufe, Grünflächen und buntes Glas,
imposante Bauten, Frieden und Wohlstand ohne Trennung.
Dunkle Lande werden dereinst bloß noch zu ihrer Glorie an die Fantasie und das Entertainment delegiert.
Dieses ist die Utopie des Reasonable Gothic.“
Unkonventionelle Langeweile
„Wer sich auf eine exklusive Liebesbeziehung mit einem außergewöhnlichen Menschen einlässt, mag etwas Unerwartetes in sich entdecken:
Das allzu Gewöhnliche anderer Leute – was immer es auch sei – erscheint mit einem Male verführerisch, gewissermaßen exotisch.
In dieser Empfindung wittert die Betroffene womöglich den Verrat gegenüber ihrer Einzigartigkeit, da ihre Partnerin als Fremdinteressierte immerhin das Ordinäre zu begehren scheint.
Das Gegenteil aber ist der Fall:
Die Untreue des Begehrens flieht gerade dem Vertrauten.
Der libidinösen Abkehr vom bisher favorisierten Objekt liegt die Langeweile unkonventioneller Gleichförmigkeit zugrunde.
Zuletzt sogar dies:
Selbst noch die Erwartung an das Unerwartbare mag einem Gefühl ödester Erfüllung entsprechen, wenn sie sich zu oft bestätigt.
Wie brennend mag da der Wunsch nach überraschender Verlässlichkeit die Sehnsucht bestimmen?
Ein Kaffee am Morgen – und das an jedem einzelnen Tag.
Hinzu ein Körper, der dem aller anderen entspricht – zumindest der eigenen Vorurteile nach.
Die Gelangweilte mag es begehren.
Solange jedenfalls, bis sie es bekommt.“
