Oder: Die Geschichte des Friedhofs „Lebenslauf“
In meiner Stadt – ihr Name ist in diesem Zusammenhang völlig unbedeutend – gibt es eine lange Straße, die dahingehend den hervorstechenden und bezeichnenden Namen „Lebenslauf“ trägt.
Diese Straße nun, in ihrem konstitutiven Ausmaße, verfolgte einst ein strenges Konzept: Das Leben in all seinen Stationen wurde hier, linkerhand vom Ursprünge aus, in groben aber nachvollziehbaren Übergängen nachgezeichnet.
Zu Beginn lief man so an der Geburts- und Kinderklinik vorbei. Sie war wohl das Gebäude dieses Weges gewesen, das als letztes erneuert wurde. Zuvor musste man das vorherige Klinikum aufgrund von Asbest im Baustoff niederreißen. Der neue Bau erschien mir ohnehin deutlich schöner zu sein, als das ewig erweiterte und notdürftig instandgehaltene Ursprungshaus: Pastellene Farben und klare Scheiben zeugten von sanfter Willkommenheißung der jüngsten Generation.
Hierauf wiederum erreichte man die Kindertagesstätte, so bunt und lebendig gestaltet, wie der ihm gewidmete Lebensabschnitt seit je her hätte gelebt werden müssen, wenngleich die Realität es zu vielen unserer Kleinsten bis heute verwehrt.
Darauf folgte konsequenterweise die Grundschule, anschließend eine Gesamtschule. Noch immer erkannte man hier allerlei Farbe auf den Fassaden, doch deutlich disziplinierter werdende Formen geometrischer und kunstvoller Zierde löste das kindliche Chaos des vorherigen Zentrums allmählich ab.
Soweit, so nachvollziehbar, doch man erkennt die grundlegende Konzeption dieser Idee.
Nach dieser Schule endlich folgte aber gewissermaßen eine Lücke im Lebenslauf, stellvertretend für die Diversität adulter Möglichkeiten: Studium, Ausbildung, Arbeit, Versagung.
Denn was hätte all diese Biografien institutionell bloß vereinen mögen? Die Zerstreuung der Erwachsengewordenen auf eigene Pfade blieb und bleibt unausweichlich. Immerhin aber gab es eine bedingte Lösung des Dilemmas:
Leicht versetzt – von der Straße aus hinter einer großen Wiese – fanden wir ein weiß strahlendes Krankenhaus (man kennt diese Art der klinischen Sauberkeitsästhetik) nebst Gemeindezentrum, aus rötlichem Stein erbaut, alt und ehrwürdig in seiner Art, als jene Orte, die diese Erwachsenen des Ortes stets wieder zusammenzubringen pflegten.
Dieser Hohlraum also, durch das ordentlich getrimmte, grüne Gras gekennzeichnet, der Freiheit bedeuten mochte, kannte also seine Notwendigkeit. Die Not zur Organisation führte zur Gemeinde und die Existenz von Krankheit ließ medizinische Versorgung entstehen. Und so verhielten sich diese Institutionen wie Klebstoff zwischen den Atomen, um durch ihre Anstalten Wiederkehr und Zusammenkunft zu ermöglichen.
Sie vermochten die Lücke im Lebenslauf somit zwar nicht in Gänze zu füllen, so doch aber zu überbrücken – von Zeit zu Zeit.
Doch weiter ging es:
Der Straße weiter folgend, kamen wir nach diesem Wiesenstück zum Seniorenheim in zärtlichem, beinahe grauem Blau gehalten, mit weichen Rundungen im Grundriss und – so musste es kommen – ein angrenzender Friedhof, schon damals bereits größer, als die gesamte Fläche die Straße entlang zuvor. Der Tod hatte also immer schon überwiegt, wenn der Lebenslauf endet.
Grab auf Grab, Steinfigur auf Steinfigur reihten sich hier nebeneinander, gewissenhaft geschliffene Zypressen und Hecken drumherum, saisonale Blüten auf jedem Begräbnis und ewig sich entlangwindende Kieswege definierten das Bild dieses letzten Ortes. Die gotische Kapelle, fasst schon Kirche in ihrer bedeutsamen Größe, thronte im Zentrum ihrer Macht, inmitten der zu errettenden Seelen.
Gegenüber all dessen, also rechts der Straße Lebenslauf, befanden sich letztlich etliche Wohnhäuser – Eigenheime bis Blockbauten – durch die sozialen Schichten hindurch verteilt – in ihrer Mitte ein Supermarkt. Diese Wohneinheiten glänzten in ihrer Vielfältigkeit: Von stumpfer Eintönigkeit und Gleichförmigkeit bis zu exzentrischster Eigensinnigkeit benachbarten sich die Menschen ohne sich je zu behelligen.
Und natürlich, an diesem Setting als Ganzes schieden sich seit jeher die Geister: Die einen Städter empfanden das symbolische „Aufrücken“ zum Tode als groteske Zumutung, verweigerten sich dieser Stringenz oder zogen in späteren Generationen um, wenn sie dort aufwuchsen mochten, während die Anderen die damit einhergehende Bescheidenheit und die dergestalt ausgedrückte Vergänglichkeit des Lebens lobten. Denn wir alle, so erkannten jene Alltagsphilosophen tagein–tagaus, folgen demselben Pfad; sind somit verbunden durch das Leben selbst und seinem Schicksal.
Interessanterweise – und dieses ist nun Grundbedingung dessen was folgen mochte – gab es nun noch jene Menschen, die man schlicht die „Lebensläufer“ nannte. Dieses, da sie ihr gesamtes Leben auf der so benannten Straße verbrachten.
Denn nicht nur die Institutionen vor und nach der wiesegewordenen Lücke nahmen sie konsequent mit, auch ihren Job übten sie im dortigen Krankenhaus, dem Gemeindezentrum oder zumindest im zentralen Supermarkt aus, verließen somit nie den vordefinierten Pfad jener Einrichtungen. Zudem mussten sie, um diesen Titel wahrhaftig zu verdienen, rechterhand des Weges wohnhaft sein.
Unbändiger und traditionsbewusster Stolz prägte jedes Selbstbewusstsein, wenn man sich zu Recht Lebensläufer hat nennen dürfen.
Diese Leute waren zudem auch im gesamten Städtchen bekannt, wenn nicht sogar hoch geachtet. Man war als angehender oder bewiesener Straßentreuer etwas Besonderes, in der Tat, wenngleich etwas Provinzielles an ihnen haftete – wenn man mit gebührender Skepsis auf die Lage blickte.
Nun, eines Tages jedoch gab es einen von ihnen – ich glaube er hieß Gottfried oder Diya al Din – der kurz vor seinem Ende stand. Allzu oft blickte jener Lebensläufer vom Altenheim direkt auf den angrenzenden Friedhof.
Doch je gebrechlicher er wurde, als desto kauziger wurde er wahrgenommen. Sein eingeborener Stolz wich zunächst einer unbegrifflichen Rührung, wich einer stummen Wehmut, wich weinerlicher Gram. Eines Tages blieb er vermehrt den Veranstaltungen des Heimes fern, empfing seine Verwandten nur noch ungern, wurde allzu patzig zu den Pflegern und zog sich immer mehr zurück. Und kurz vor seinem 89. Geburtstag drehte der einsam gewordene Rentner offenbar durch.
So plante er still vor sich hin, ungesehen von den Nachbarn und Betreuern, um schließlich des Nachts, gut vorbereitet, ein Feuer zu entfachen.
Und das erfolgreich: Es steht zu berichten, dass nach jener Tat die ganze Straße niederbrannte, von der Kinderklinik bis zur Seniorenresidenz. Wie dies genau vonstatten ging, darüber ranken sich bis heute allerlei Mythen und Verschwörungserzählungen, die Verantwortung indes wurde von einer verantwortlichen Stelle zur nächsten geschoben. Doch das Wesentlichste blieb: der Lebenslauf war Geschichte – diese Geschichte hier.
Es war, wir können es uns vorstellen, eine ausgesprochene Katastrophe, in der viele Menschen dahinschieden und der symbolträchtige Ort in Gänze vernichtet wurde. Viele Jahrzehnte sind seither vergangen und das Ereignis ist in der Lokalgeschichtsschreibung eingegangen als „das furchtbare Schicksal“.
Über den wahnsinnigen Senior ist uns heute aber nichts weiter bekannt, über seine Person ist wenig gesagt worden. Lediglich um sein rasendes Entsetzen im Hinblick auf seine Erkenntnis, dass einzig der verhasste Friedhof intakt geblieben war – als das Buschwerk und die Blumen ausgeglüht waren – ist jedem Städter eine gern wiederholte Gewissheit geworden.
Dieser Gottesacker, einziges Überbleibsel jenes Ortes, ist heutzutage natürlich noch größer, noch umfassender geworden als er es damals war, ja, er umgibt nun den gesamten Lebenslauf – links, wie rechts. Und auch die äschernde Kapellenruine steht noch immer mittendrin.
Sogar – wie hätte es auch anders sein können – auch jener irre, alte Mann von damals, der Schuld an der Katastrophe trug, liegt nun dort begraben. Namenlos, doch als dieser eindeutig erkenntlich.
Auf seinem schmucklosen Grabe steht geschrieben:
„Es hat so kommen müssen“
