Pelzzunge

Hast du dich schon einmal gefragt, wie es wäre, hättest du Haare auf der Zunge?
Nicht ein paar, sehr dünne Exemplare, die aus einer genetisch fragwürdigen Gewohnheit dort wachsen mögen, wie aus einem Muttermal heraus, die du dann regelmäßig rausrupfen würdest; vielmehr hättest du einen regelrechten Pelz, so an die 2 cm lang, dessen einzelnen Haare stets befeuchtet sich hin und her legten, je nachdem, in welche Richtung du die Zunge am Gaumen entlangfahren würdest.
Wenn du Glück hast, so schädigten diese Haare nicht deinen Geschmackssinn – im Gegenteil. Die Rezeptoren zum Schmecken wären in diesen Haaren und Getränke, wie auch speisen verfingen sich kurzzeitig zwischen den Strähnen, sodass du jede noch so kleine Geschmacksnuance einfingest, die dir jetzt, ohne dieses Haar, grundsätzlich entgeht. Wenn du dir deine Zähne putzest, so bürstetest du dir auch zusätzlich dein Haar mit der Zahnbüste, ließest dir vor dem Spiegel kleine Frisuren stehen, Mittel- und Seitenscheitel, Irokese und Igelfrisur.
Hast du dir das schon einmal vorgestellt?
Nein?

Ich blicke auf. In meinen Gedanken versunken lasse ich meinen Blick über die Landschaft fahren, wie die Waggons über die Gleise. Die Bäume sind noch halb bewachsen, hier und da findet sich noch etwas von dem Grün des Rasens und das einzelner Blätter in dem gemächlich dahingleitenden Bild vor mir. Auf den Wiesen liegt das Wasser, unbeweglich und geronnen, wie ein fragmentierter See, als Ganzes bloß wenige Meter breit, aufgeteilt aber in Teilen auf viele Kilometer.
Die halbkahlen Bäume sind knorrig und stellenweise verknubbelt, winden sich um sich selbst, fliehen dabei ihrem Stamme, ohne sich aber allzu weit hinauszuwagen. Andere Äste stechen brachial nach oben hinaus, wie dürre Stalagmiten, und wieder andere fallen lotrecht hinab, wie – man ahnt es bereits – Stalaktiten.
Der Himmel ist dergestalt bewölkt, dass er wieder zur Einheit findet, in gleichmäßigem Grau, beinahe Weiß gehüllt, ohne den Standort der offensichtlich noch im Zenit stehenden Sonne seinen Betrachtern zu verraten.

Mit meiner Zunge fahre ich über meinen Gaumen. Wären dort Haare, es wäre gewiss angenehm weich. Seltsam rau fühlt sich dagegen die Oberfläche meiner normalen Zunge an. Ich erinnere mich: Ich hatte sie vor zwei oder drei Tagen beim probieren der Bratensoße verbrannt. Da stehe ich also bestimmt an die zwei Stunden am Herd, um die beste aller mir bekannten Speisen vorzubereiten – und ich verbrenne mir die Zunge, bevor ich sie genießen konnte. Der Geschmacksnerv war unwiederbringlich dahin; zumindest für diesen Tag.
Vielleicht hätte mich der Pelz vor diesem Schicksal bewahrt. Wahrscheinlich hätte er jedoch in gleicher Weise darunter gelitten, wie meine Zungenmembran es tat.

Ein Zaun bricht ab, der Graben um die Weide mündet in einen Bachlauf in Richtung Wald. Ein maroder Hochsitz hängt windschief vor dessen Grenze. Eine Horde Hasen hüpft drumherum.
Eine Horde? Das klingt nicht richtig. Ein Rudel Hasen… Nein.
Weißt du es?

So oder so, es sind zu viele. Die ganze Wiese ist voll von ihnen. Das kann nicht gesund sein, für wen auch immer. Ein Falke schwebt über der Szenerie, nicht kreisend, sondern bereits im Stillstand verhaftet. Die Flügel schlagen wie verrückt, doch die Koordinate bleibt erhalten. „Hier muss man sehr schnell rennen, um am selben Platz zu bleiben“, heißt es irgendwo bei Alice hinter den Spiegeln.
Fluffle! So nennt man eine Hasenhorde doch auch. Jetzt klingt Horde aber wieder richtig. Hasenrudel aber auch… Hasenschule aber auch… Alles klingt jetzt richtig.
Sind Hasen nicht viel zu groß für Falken? Ich werde es nicht mehr erfahren; wir sind bereits fort von hier. Hier muss man wohl sehr still bleiben, um vorwärts zu kommen. Ich habe einen Hasen im Mund, ganz pelzig und fluffig. Wie kuschelig wäre eine haarige Zunge…

Wald überall, Baum an Baum, nicht knollig, sondern aufrecht in den Himmel ragend, Stamm an Stamm, ganzjahresgrün. Es ist ein wenig neblig am Grunde der Bäume. Ich kann die Erde nur mit meinen Augen riechen: erdig, feucht und moosig. Tannen- und Pinienzapfen, an der Unterseite bereits modrig von der vielen Feuchtigkeit in der Luft liegen zwischen den Kiefern. Nicht alles passt zusammen. Wo mag der Bachlauf wohl herkommen? Irgendwo dort im Wald mag ein Hügel sein, vielleicht auch mehrere, wo das Wasser aus den Wunden der Welt emportritt, wie das Blut erlegter Hasen aus ihren wuscheligen Körpern. Mit ihren kleinen Zungen lecken sie sich ihre Blessuren wund, bis sie heilen mögen. Ich habe noch nie wirklich dreckige Hasen gesehen. Wie Katzen müssen sie im Grunde sehr reinlich sein – wenn man das ablecken und schlucken vom Schmutz am Körper als reinlich bezeichnen will.
Das wäre was, wenn Hasen nackt wären und ihre Zungen stattdessen behaart. Sie würden gewiss mehr frieren, aber man würde sie nicht ihres Pelzes wegen mehr jagen. Außer vielleicht das ihrer Zungen. Hasenzungenpelzmäntel – Viel Zunge, wenig Hase. Oder umgekehrt?
Bist du noch bei mir?

Bald kommt die Lichtung von der ich dir immer erzählt habe, irgendwo zwischen hier und dort steht eine alte Hütte. So eine Holzhütte für Wanderer und Spaziergänger. Doch so sehr ich vom Fenster auch auf der Lauer liege, ich sehe nie einen Weg dorthin. Hat nicht jede Hütte immer auch einen Weg? Wozu sollte man sonst eine Hütte bauen… Für die Verirrten?
Doch jetzt noch nicht, denn diese Baumreihe unter ihresgleichen zieht sich doch recht lang. Ich versuche hier immer einen Blick auf Rehe zu erhaschen. Ich habe seit meiner Kindheit keine mehr in freier Wildbahn gesehen. Es gibt sie bestimmt noch irgendwo, aber es sind nun mal keine Hasen. Sie sind größer zwar, aber seltener. Auch sind sie vorsichtiger, obwohl sie definitiv zu groß für die Falken sind. Ihre Zungen sind dunkel und sehr glitschig – wenn auch trotzdem irgendwie rau. So wie meine, wenn ich mich verbrenne. Ich denke ich habe mal eine auf der Haut gehabt, an der Hand. Keine Ahnung wann. Es wird nebelig im Zug.

Ich wünschte, wir hätten die Hütte der Verirrten noch sehen können. Aber mein Kopf fühlt sich seltsam pelzig an. Ganz wie Watte und weit entfernt vom Zug. Mein letzter Gedanke war wohl, wie sich eine Zunge anfühlte, wenn Watte auf ihr wüchse.
Hast du dir das schon einmal vorgestellt?

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